Wenn Liebe und Zeitnehmen nicht ausreichen

Heilpädagogische Frühförderung

Aus: Die Glocke . von ANJA TENBROCK

Kreis Warendorf (gl). Marie (Name von der Redaktion geändert) hatte keinen guten Start ins Leben. Die Mutter drogenabhängig und ungewollt schwanger, der Säugling nicht erwünscht. Sofort nach der Geburt kam Marie in eine Pflegefamilie. „Wir hatten so viel Zeit und Liebe für sie“, sagt die Pflegemutter, „doch das reichte nicht.“

Marie verhielt sich auffällig. „Sie hatte motorische Schwierigkeiten. Sie war sehr, sehr anhänglich und beanspruchte mich ununterbrochen, wirkte stark verunsichert und hatte kein Selbstbewusstsein. Gleichzeitig konnte sie extrem zornig werden und ließ sich nur schwer lenken“, erzählt die Pflegemutter. „Marie hatte eine unbändige Wut in sich“, erinnert sich die 41-Jährige daran, wie sie zunehmend an die Grenzen ihrer Kräfte kam. „Doch mir fehlten Informationen, was ich hätte tun können. Ich wurde immer unsicherer und hilfloser, sah nur noch, was alles schlecht lief.“ Auch im Kindergarten fielen die Probleme von Marie auf. „Eine Erzieherin hat mich schließlich angesprochen und darauf aufmerksam gemacht, dass es die Möglichkeit der heilpädagogischen Frühförderung gebe.“

Eine entsprechende Beratungsstelle für Eltern von Kindern mit besonderem Förderbedarf ist beim Gesundheitsamt des Kreises Warendorf angesiedelt. Darüber kam es zum Kontakt mit der Heilpädagogischen Frühförderung im Netzwerk für Familien, einer Einrichtung des Caritasverbandes im Kreisdekanat Warendorf. Leiter Stefan Hunfeld und sein 13-köpfiges Team unterstützen im gesamten Kreis Warendorf nach eigenen Angaben 95 Familien mit Kindern mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen, Entwicklungsverzögerungen, sozial und emotional auffälligen Kindern oder Kindern mit medizinischen Risikofaktoren wie Frühgeburt. Dort haben auch die Pflegemutter und ihr Mann Hilfe gefunden. Marie habe keine Chance gehabt, eine gesunde Bindung zu ihrer leiblichen Mutter aufzubauen, erläutert Hunfeld. Eine stabile Beziehung zu den Eltern aber sei eine Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung: „Wenn ein Kind keine gute Bindungsgrundlage hat, ist es vor allem mit dem Thema Bindungen beschäftigt. Es bleiben kaum Kapazitäten, die Welt zu erforschen, um sich autonom entwickeln zu können“, verweist der Heilpädagoge auf wesentliche Erkenntnisse aus der Wahrnehmungs- und Bindungstheorie. Verhaltensauffälligkeiten seien oft die Folge. Ziel bei der heute fünfjährigen Marie sei deshalb gewesen, sie so zu fördern, dass sie eine neue, gute Bindung aufbauen kann und gleichzeitig die Pflegemutter dabei zu unterstützen, dass das gelingen kann.