Schutz für Kinder, die schwere Zeit durchmachen

Wohngruppe Fifikus

Aus: Die Glocke – von Stefanie Helmers

Ennigerloh (gl). Der Tag im vergangenen Jahr, an dem die neunjährige Lilly in die Ennigerloher Wohngruppe Fifikus kam, war für sie zunächst „echt doof“. Aber sie fand gut, dass die Mitarbeiter ihr Lieblingsessen kochten: Milchnudeln. Lilly ist vorübergehend in der Obhut der Erziehungshilfe St. Klara. Ihre psychisch kranke Mutter erhält Hilfe, damit sie sich bald wieder um ihre Tochter kümmern kann.

Lilly (alle Namen geändert) reitet gern, Daniel (13) ist Mitglied der Jugendfeuerwehr, und Tim (11) liebt Fußball. Eines haben die insgesamt neun Jungen und Mädchen zwischen 5 und 14 Jahren, die in der Wohngruppe Fifikus leben, gemeinsam. Ihre Eltern können sich nicht so um sie kümmern, wie sie sollten.

Es gehe nicht darum, den Eltern die Schuld zu geben, betont Hubert Bonekamp, Bereichsleiter beim Caritasverband im Kreisdekanat Warendorf. „Eltern behandeln ihre Kinder nicht vorsätzlich schlecht – selbst dann nicht, wenn sie sie schlagen.“ Das sei immer ein Ausdruck von Überforderung. „Wir fragen: Wie es ist zu den Problemen gekommen? Und was können wir tun, um etwas zu ändern?“

Ein Jahr, vier Monate und neun Tage: Der 13-jährige Daniel weiß genau, wie lange er schon in der Wohngruppe Fifikus lebt. „Vorher habe ich mich oft mit meiner Mutter gestritten und nicht richtig auf sie gehört“, erklärt er. Inzwischen sind ihm die Wochenenden, die er bei seiner Mutter verbringt, heilig. Aber auch in Ennigerloh hat der technikbegeisterte Junge inzwischen Freunde gefunden, ist der Jugendfeuerwehr beigetreten und strebt eine DJ-Karriere im Jugendzentrum an. „Zu Weihnachten habe ich ein Mischpult bekommen“, sagt er. Ein Geschenk von seiner Mutter.

Fifikus

„Schwierige Zeiten“ hätten die Kinder erlebt, sagt Bereichsleiter Hubert Bonekamp. „Aber die Eltern bleiben die Eltern.“ Von Anfang an werde darauf hingearbeitet, dass die Kinder zu ihren Familien zurückkehren könnten. Es gibt regelmäßige Besuchszeiten, und neutrale Berater helfen den Eltern dabei, sich auf ein erneutes Zusammenleben vorzubereiten. Es sei wichtig, die Eltern im Boot zu haben. „Sonst sind die Kinder die Leidtragenden.“

Auch Tim habe mit seiner Mutter eine schwere Zeit durchgemacht, sagt Bonekamp. Der Elfjährige wurde vernachlässigt. In der Wohngruppe hat er mit Daniel einen Freund gefunden, der sich genauso für Technik interessiert wie er. Sie hätten zusammen eine Lichtanlage gebaut, sagt Tim stolz. „Damit machen wir in der Wohngruppe Kinderdisko.“

Trennung tut den Familien weh

Ennigerloh (ste). In Familien laufe häufig etwas schief, wenn die Eltern aufhörten zu handeln, erklärt Caritas-Bereichsleiter Hubert Bonekamp, der für die Ennigerloher Wohngruppe Fifikus zuständig ist. „Es wird schwierig, wenn sie nur noch reagieren und die Kinder die Macht übernehmen.“

Aber auch Eltern hätten eben manchmal Probleme. „Und darum können sie sich in einigen Fällen besser kümmern, wenn die Kinder eine zeitlang nicht da sind. Eine vorübergehende Trennung ist dann ein Schnitt, der weh tut, der aber auch den Weg für Veränderungen bereitet.“

Das System der Heimerziehung habe sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte stark verändert, sagt der Bereichsleiter. „Die Kinder werden heute häufiger in kleinen Wohngruppen untergebracht. Und es ist deutlich geworden, dass es nicht um Regeln und Bestrafung geht, sondern in erster Linie um Beziehungen, Strukturen, Verlässlichkeit und Transparenz.“

Ein Kind aus seiner Familie herauszunehmen sei noch keine Lösung. „Wir wollen den Jungen und Mädchen zunächst einen sicheren Ort bieten. Und in dieser Zeit müssen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass Eltern und Kinder später wieder zusammenleben können.“

Jugendamtsleiter: „Es sind keine Rabeneltern“

Von unserem Redaktionsmitglied Stefanie Helmers

Ennigerloh (gl). Das Rückführungskonzept, das in der Ennigerloher Wohngruppe Fifikus verfolgt wird, sei neu und weise bereits erste Erfolge auf. Das erklärt Kreisjugendamtsleiter Wolfgang Rüting im Interview.

„Die Glocke“: Was ist das Neue an dem Konzept?

Rüting: Es setzt voraus, dass der Träger, der Kreiscaritasverband, dezentrale Wohngruppen aufbaut. Sie müssen sich im Kreis Warendorf befinden, also wohnortnah sein. Bislang war es nicht selten, dass Kinder bis zu 250 Kilometer von ihren Familien entfernt lebten. Parallel zur Unterbringung gibt es ein Beratungs- und Unterstützungsangebot für die Eltern.

„Die Glocke“: Die meisten Kinder leben in den Gruppen, weil die Eltern einer Heimunterbringung zugestimmt haben. Wie kommt es dazu?

Rüting: Kein Elternteil gibt sein Kind leichtfertig ab. Beim stationären Aufenthalt geht es nicht darum, Kinder abzuschieben, sondern um Hilfe zur Erziehung außerhalb des Elternhauses. Die Eltern, die sie in Anspruch nehmen, handeln im Sinne ihrer Kinder und hochverantwortlich. Es sind keine Rabeneltern.

„Die Glocke“: Welche Schwierigkeiten können aufgetreten sein?

Rüting: Es können Probleme vorliegen wie Krankheit, Trennung oder eine Notlage aufgrund von Arbeitslosigkeit. Das kann allen Familien passieren, querbeet durch die ganze Gesellschaft. Selten sind es Gründe, die in einem bewussten Fehlverhalten der Eltern zu suchen sind.

„Die Glocke“: Dieses Rückführungskonzept gibt es seit dreieinhalb Jahren. Wie erfolgreich ist es?

Rüting: Die Zahl der Kinder, die in ihre Familien zurückgehen können, steigt. Gleichzeitig wird die Verweildauer kürzer. Früher blieben die Kinder zwei bis zweieinhalb Jahre in den Einrichtungen, jetzt sind es bereits deutlich unter zwei Jahre. Aber wir streben maximal eineinhalb Jahre an.