Mütter stehen unter Druck

Von Glocke- Mitarbeiterin Alexandra EdelkötterKreis Warendorf (gl).

Ständiger Zeitdruck, berufliche Belastung, mangelnde Anerkennung: Mütter stehen im Alltag immer stärker unter Druck. Der Stress hat gesundheitliche Folgen. Laut einer aktuellen Studie des Müttergenesungswerks (MGW) hat sich der Anteil der Mütter, die unter Erschöpfungssyndromen bis hin zum Burnout, Schlafstörungen oder anderen akuten Belastungsreaktionen leiden, seit 2003 um mehr als 30 Prozent erhöht. Jede fünfte Mutter in Deutschland, so die MGW-Einschätzung sei kurbedürftig. „Die Glocke” hat bei Anne Klemann. Kur-Fachberaterin des Caritasverbandes, nachgefragt.
„Die Glocke”: Frau Klemann, wie gestresst sind die Mütter im Kreis Warendorf?
Klemann: Ziemlich. Die Zahl der Beratungsgespräche ist in den vergangenen Jahren deutlich ge-stiegen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf empfinden viele Mütter als Dauerbelastung. Die Frauen stehen daher vermehrt unter Stress. das betätigen aktuelle Studien immer wieder.
„Die Glocke”: Welche Faktoren lösen Ihrer Meinung nach diesen Stress aus?
Klemann: Die Anforderungen sind gewachsen. Immer mehr Mütter kehren immer früher ins Berufsleben zurück. Die einen, weil sie gut ausgebildet sind und super bezahlt werden. Die anderen. weil sie arbeiten müssen, da das Familieneinkommen sonst nicht ausreicht. Da das Berufsleben in hohem Maße Flexibilität erfordert, nimmt der Zeitdruck innerhalb der Familien erheblich zu. Diesen ständigen Termindruck empfinden viele Mütter als stressig. Ein starker Stressfaktor sind auch finanzielle Sorgen. weil sich die Gedanken stets um das Thema Geld drehen. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und das schließt unsere Kinder mit ein. Es wird unheimlich viel Diagnostik betrieben. Kaum eine Mutter fährt mit ihren Kindern nicht zu Logopädie, Ergotherapie oder anderen therapeutischen Maßnahmen. ADHS wächst wie eine Blüte. Als Fachkraft denke ich, warum lässt man den Kindern nicht mehr Zeit, sich zu entwickeln. Dieser Leistungsdruck belastet den Familienalltag, besonders wenn die Kinder in die Schule gehen.
„Die Glocke”: Woran merke ich, dass ich zu sehr unter Stress stehe?
Klemann: Die Alarmzeichen sind Gereiztheit bis hin zu Aggressivität, Nervosität, Verspannungen im Nacken, und Rückenbereich, Müdigkeit, Schlaf¬störungen, eine erhöhte Infektanfälligkeit, Magen-Darm-Probleme, erstmaliges oder ver¬stärktes Auftreten von Allergien, Konzentrationsstörungen, Depressionen.
„Die Glocke”: Wie kann ich meine Stressfaktoren minimieren?
Klemann: Wichtig ist eine Selbstanalyse. Welche Belastungen liegen vor? Was kann ich ändern, was aber nicht? Wie reagiert mein Körper auf Stress? Mit Gähnen? Mit Schmerzen? Mit Unkonzentriertheit? Es lohnt sich, da genau hinzu¬schauen. Wann bin ich angespannt? Wie fühlt sich dann mein Körper an. Was mache ich gerne und für was davon nehme ich mir tatsächlich Zeit? Wer bei diesen Fragen Klarheit bekommt, ist schon ein gutes Stück weiter.
„Die Glocke”: Und dann?
Klemann: Dann sollte es an die Gedankenstruktur gehen. Jeder Mensch schleppt negative Glaubenssätze mit sich herum: Ich schaffe das nicht. Mir ist alles zu viel. Warum immer ich? Die gute Nachricht ist, diese Sätze kann man umpolen. Durch Übung. Durch eine positive Selbstwahrnehmung und dann heißt es: Ich schaffe zwar nicht alles, aber ganz viel.
„Die Glocke”: Warum hilft das gegen Stress?
Klemann: Weil man sich selbst die Last von den Schultern nimmt. Man hinterfragt seine negative Einstellung, dreht sie in etwas wesentlich Positiveres und nimmt sich dadurch selber positiver wahr.
„Die Glocke”: Was hilft ansonsten, Stress abzubauen?
Klemann: Auf Anspannung muss Entspannung folgen, sonst ist der Akku irgendwann leer. Man sollte daher in seinen Alltag ganz bewusst Pausen einbauen und etwas integrieren, das Spaß macht. Man sollte die kleinen Dinge des Lebens wieder sehen. Fühlt man die Anspannung, können kleine Atem-übungen helfen. Oder aufstehen und sich ganz bewusst räkeln. Außerdem hilft natürlich Sport dabei, den Kopf freizubekommen (wie beispielsweise beim AOK-Firmenlauf am 14. September in Oelde). Man tut etwas für sich, schafft sich einen kleinen Freiraum. Das empfinden viele Mütter als sehr entlastend.