Kein Kopftuchverbot auf der Bühne

Theaterprojekt „Gesichter der Welt“ feiert gelungenen Auftritt

aus: WN, von Beate Trautner
Warendorf – Im Mai diesen Jahres ist das Theaterprojekt „Gesichter der Welt“ des Fachdienstes für Integration und Migration (FIM) der Caritas gestartet. Das Theaterprojekt, gefördert durch den BAMF, ist speziell für Frauen mit Fluchterfahrung und Migrationshintergrund.
Gleich drei Gruppen präsentierten die Ergebnisse ihrer Probenarbeit einem begeisterten Publikum im Sophiensaal. Für die Besucher ist die Theateraufführung eine Überraschung, denn der Auftritt ist in den Fachtag zum Thema „Integration und Interkulturelle Kompetenz“ des FIM der Caritas eingebettet.
Unter der Leitung von Theaterpädagogin Beate Trautner haben die drei Gruppen ihre Bedürfnisse und Ideen umgesetzt und verschiedene Szenen entwickelt.
Zu sehen bekommen die Gäste eine Theatercollage brisanter aktueller und alltäglicher Themen, die durch Musik und Bewegungselemente miteinander verbunden sind. Das Theaterstück zeigt sich Kultur- und Generationsübergreifend. Klischees, Diskriminierung und das Thema Flucht werden auf vielfältige Weise bildlich gemacht.
Den Beginn macht die Gruppe aus Beelen. Maria Grieben, Melanie Wegener und Selma Cömertpay zeigen gleich zwei Szenen, in denen sie kulturelle Unterschiede aber auch Gemeinsamkeiten auf eindrucksvolle Weise umgesetzt haben. Ob im Flugzeug nach Antalya, indem die eine sich für den Cluburlaub stylt, während die andere sich für den Besuch bei der Familie abschminkt oder auch in der Begegnung einer verwöhnten Frau aus der Stadt mit dem Landleben, machen sie mit knappen Worten und in starken Bildern deutlich, dass man seine Herkunft nicht verleugnen kann, so sehr man es auch versucht. Und sie zeigen, dass Integration auf Toleranz und Respekt gegenüber anderen Lebensweisen beruht.
seniorentheater

Fliegender Wechsel. Das Seniorentheater „Projekt Zeitlos“ kommt auf die Bühne. Ihnen folgt Hedwig Urbigkeit. Beate Trautner und Hedwig Urbigkeit hatten sich über das Projekt kennen gelernt. Ihnen war sofort klar: „Wir machen etwas gemeinsam!“ Hedwig Urbigkeit hat die Geschichte ihrer Flucht aus Schlesien 1945 aufgeschrieben und auch schon öffentlich daraus gelesen. Um die Fluchtgeschichte szenisch aufzubereiten hat Trautner ihre Seniorentheatergruppe mit ins Boot geholt.
In nur zwei Proben ist eine Text- und Szenen-Collage heraus gekommen. Während Urbigkeit aus ihrem Text liest, sitzen Ula Kupka, Lisa Reichensperger, Maria Schubert und Rudolf Berger im „freeze“ da. Sobald sie mit dem Text inne hält, beginnen die Akteure ihr Spiel. Die Fragen „Wo werden wir im nächsten Jahr wohl sein?“ und „Was nehmen wir bei der Flucht mit?“ haben sie anschaulich aber auch witzig umgesetzt.
Unter die Einspielung der Wochenschau-Melodie, nach der, mit überspitzt zackiger Stimme (Rudolf Berger), zum deutschen Volkssturm aufgerufen wird, gehen sie ab. Plötzlich mischen sich arabische Klänge darunter und fünf junge Frauen mit Kopftüchern kommen auf die Bühne. Nach einander stellen sie sich vor. Dann lassen sie die Kopftücher fallen. Bis auf eine. „Los, nimm dein Kopftuch ab!“, rufen zwei der Akteurinnen. „Los, runter damit. Wir sind hier in Deutschland!“ Das Mädchen mit dem Kopftuch wird beschimpft und geschlagen, bis sie am Boden liegt. Endlich mischen sich die beiden anderen Mädchen ein und rufen „Hört sofort auf! Jeder darf so sein, wie er will!“. Den Satz wiederholt jede Schülerin in ihrer Landessprache, bevor sie sich das Kopftuch wieder aufsetzen und die Bühne verlassen.
Die fünf Schülerinnen des Paul-Spiegel-Berufskolleg haben es in ihrer Szene in wenigen Minuten genau auf den Punkt gebracht und wollen dazu anregen, Mauern im Kopf einzureißen. Sie selbst kommen aus dem Kosovo, Eritrea, Syrien, Sri Lanka und Warendorf und haben Krieg, Flucht und Diskriminierung erlebt. Die Theatergruppe am Berufskolleg ist Teil des Theater-Projekts „Gesichter der Welt“ und besteht erst seit drei Wochen. Die Schülerinnen hatten zwei Mal geprobt bevor sie sich entschlossen, ihre Szene ebenfalls beim Fachtag zu zeigen. Dann holt Beate Trautner ihre Akteure nochmals auf die Bühne und es gibt den verdienten und begeisterten Applaus des Publikums. Premiere gelungen, Fortsetzung folgt.