Hilflosigkeit von Eltern äußert sich häufig in Gewalt

Von Glocke – Redaktionsmitglied Kai von Stockum

Ergebnis einer aktuellen Umfrage

Warendorf (gl). Meist ist es wohl eine Reaktion aus Hilflosigkeit: Einer repräsentativen Forsa-Umfrage zufolge schlägt annähernd die Hälfte der Mütter und Väter in Deutschland ihre Kinder. Dabei hat der Nachwuchs seit dem Jahr 2000 ein Recht auf eine gewaltfreie Kinderstube. Festgeschrieben ist das im Bürgerlichen Gesetzbuch.

Wer Ohrfeigen oder einen Klaps auf den Po verteilt, darf sich später nicht wundern, dass Kinder glauben, Gewalt sei als Mittel zur Lösung von Konflikten zulässig. Die häusliche Erfahrung findet so nämlich gegebenenfalls Anwendung auf dem Spielplatz. “Es hat uns ja auch nicht geschadet”, dieser “fatale Satz” würde auch heute noch viel zu oft ausgesprochen, sagen Andrea Froböse, Julia Beermann und Agnes Altena-Kohn vom Caritasverband im Kreisdekanat Warendorf.

Hilflosigkeit von Eltern

Die Aufgaben der Erziehungsberatungsstelle Warendorf sind breit gefächert. Unter anderem kümmern sich Experten dort seit 1995 aber auch um Fälle von sexuellem Missbrauch, Gewalt und Vernachlässigung. Die Mitarbeiterinnen sind überzeugt, dass schlagende Eltern in der Regel selbst nicht glücklich mit der Situation sind. Vielfach hätten die Väter und Mütter in ihrer eigenen Kindheit aber Gewalt als Bestandteil der Erziehung erlebt. Wer später dann gegen seinen eigenen Nachwuchs die Hand erhebe, wisse womöglich einfach nicht mehr weiter.

Ein Patentrezept für ein harmonisches Familienleben gibt es nicht. Hilfe allerdings schon. Die Beratungsstelle des Caritasverbands macht sich mit Eltern gemeinsam auf den Weg, erörtert Strukturen sowie Kommunikationsmuster und versucht, anhand der Ergebnisse Lösungswege aufzuzeigen. “Es gibt immer Alternativen zur Gewalt”, sagen die Mitarbeiterinnen.

Unter anderem wird versucht, den Erwachsenen deutlich zu machen, wie ihr Verhalten auf das Kind wirkt. Der Nachwuchs nämlich ist verängstigt und fühlt sich gedemütigt. “Oft stellt sich ein Gefühl von Ungerechtigkeit ein”, sagt Agnes Altena-Kohn. Eltern müssten lernen, einen Punkt zu setzen, bevor die Situation eskaliere.

“Kinder verheimlichen Gewalt seitens ihrer Eltern oft, um diese zu schützen”, sagt Julia Beermann. Bei Bedarf sind sie und ihre Kollegen da, um die Bedürfnisse des Nachwuchses zu übersetzen, quasi als Dolmetscher. Aber auch Väter und Mütter, die es in der Erziehung besser machen wollen als ihre eigenen Eltern, finden den Weg zur Beratungsstelle. Denn früher war Gewalt gängige Praxis. Allerdings hat – und das zeigt die Forsa-Umfrage auch – ein gesellschaftlicher Wandel stattgefunden.

Spüren, wie es ist, unterdrückt zu werdenWarendorf (wst).
Das Amtsgericht in Warendorf hat sich erst Anfang dieser Woche mit einem 43-jährigen Vater beschäftigt, der sich wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen verantworten musste. Ihm wurde vorgeworfen, dass er am 23. November des vergangenen Jahres nach der Heimkehr von der Arbeit seinen 16-jährigen Sohn zunächst mit zwei Ohrfeigen, mit Schlägen mit einem Stromkabel ins Gesicht und auf die Beine sowie einem Faustschlag ins Gesicht misshandelt haben soll.

Hilflosigkeit von Eltern

In der Verhandlung stellte sich heraus, dass der jüngere und behinderte Bruder des 16-Jährigen laut geschrien hatte, als der Mann nach Hause kam. Aus dem PC des 16-Jährigen habe Musik gedröhnt, hieß es. Er sei davon ausgegangen, dass der ältere seinen behinderten Bruder “wieder einmal drangsaliert” hätte. Also habe er zunächst wegen der lauten Musik das Kabel aus PC und Steckdose gezogen. “Dann habe ich meinen Sohn angefasst, es kam zu einem Gerangel. Ich habe ihn auf das Bett gedrückt, so dass er spüren sollte, wie das ist, wenn man von einem Stärkeren unterdrückt wird”, meinte der Vater. Geschlagen habe er seinen Sohn nicht. Im Übrigen lebe der Junge nicht mehr bei der Familie, sondern in einer Obhutsmaßnahme des Wohlfahrtsverbands.

Der Richter teilte mit, dass die Anzeige nicht durch den Sohn, sondern durch einen Mitarbeiter des Jugendamts erstattet worden sei, “wozu dieser auch verpflichtet gewesen war, nachdem er Kenntnis von der Sache bekommen hatte”, so der Richter. Auf eine Aussage des Sohns hatte das Gericht verzichtet, da dies dem psychisch labilen Jungen “eher geschadet als es der Wahrheitsfindung genützt” hätte. Bei der Strafzumessung waren sich Staatsanwaltschaft und Gericht einig, auf die finanzielle Situation des Angeklagten einzugehen. Das Verfahren wurde gegen Ableistung von 50 Stunden gemeinnütziger Arbeit eingestellt.

(Kai van Stockum, Die Glocke – Warendorf – 14.03.2012