CPM – Mit Ersatzschlüssel und zwei Weckern ins eigene Leben

Mit Ersatzschlüssel und zwei Weckern ins eigene Leben gestartet – Jens Rzitki erlebt Chancen und Risiken des Ambulant Betreuten Wohnens/Caritas sucht nach individuell passenden Wohnformen

Ostbevern/Münster (cpm). Das Leben in den eigenen vier Wänden gefällt Jens Ritzki. Aber die Sicherheit im Hintergrund auch. Sein Ersatzschlüssel hängt noch in der Außenwohngruppe des Hofs Schwegmann in Ostbevern, in der der 33jährige die Hälfte seines Lebens verbracht hat. Und in der er jeden Morgen von seinen Betreuern geweckt worden ist. Prompt verschlief er dann nach dem Umzug. Jetzt verhindern das zwei Wecker, einer davon außer Reichweite. Das Ambulant Betreute Wohnen (ABW) für Menschen mit Behinderungen birgt große Chancen, hat aber im kleinen wie im großen seine Tücken. Für Marlis Albersmann, Leiterin des ABW beim Caritasverband für das Kreisdekanat Warendorf, kommt es deshalb darauf an genau hinzuschauen, welche Wohnform für den Einzelnen passt. Das Wohnheim ist eine, im ABW gibt es verschiedene Formen und dazwischen eine Reihe von Stufen, in denen geübt und getestet werden kann.

„Bei manchen spürt man es, sie sind nur noch unzufrieden“, sagt Thomas Empting, Leiter des Wohnheims Hof Schwegmann. Sie wollen und müssen sich weiter entwickeln und trotzdem braucht es dann manchmal noch einen Schubs. Die Gemeinschaft im Wohnheim und der Außenwohngruppe ist Sicherheit, das Leben allein in eigener Wohnung erst einmal unsicher und bedeutet möglicherweise auch Einsamkeit. „Als es zum Auszug ging, habe ich schon wirklich Angst gehabt“, erinnert sich Jens Ritzki noch lebhaft an den großen Schritt letztes Jahr im Herbst.

Inzwischen sieht er das wesentlich gelassener, weiß, was er kann und dass er sich in den Dingen, die ihn überfordern, auf seine beiden Betreuer Ingmar Bley und Helga Löchte verlassen kann. Für drei Jahre hat der Landschaftsverband Westfalen-Lippe ein Betreuungs-Budget bewilligt, erläutert Marlis Albersmann. In den ersten Wochen konnte Ingmar Bley fast täglich Kontakt aufnehmen, jetzt reicht in der Regel zweimal in der Woche.

Ab und zu lädt ihn Aganeta Fast, Mitarbeiterin des Wohnheims, zum Essen in seine alte, nur fünf Fußminuten entfernte Außenwohngruppe am Ostesch ein, in der auch Ritzkis Freundin noch wohnt. Sie weiß, dass er dazu neigt sich zurückzuziehen und für sich zu bleiben. Vereinsamung ist eine Gefahr beim Ambulant Betreuten Wohnen, deren sich Marlis Albersmann und ihr 14köpfiges Team bewusst ist. Kontakte zu anderen Klienten möglichst in der Nachbarschaft, regelmäßige Freizeitangebote insbesondere am Wochenende und eine Einbindung in Vereine vor Ort könnten dem entgegenwirken. In Beckum und Ennigerloh gelinge das mit regelmäßigen Wochenendtreffs bereits ganz gut, so Albersmann. Ziel ist, dass die Zahl der Klienten auch in anderen Orten so weit wächst, dass vergleichbare Angebote möglich werden. Die aktuelle Entwicklung gibt ihr Hoffnung: Mit 23 Bewohnern im ABW ist ihr in Beckum angesiedelter und für den ganzen Kreis Warendorf zuständiger Fachdienst vor wenigen Jahren angefangen, jetzt sind es schon 74.

Hindernis bei der Freizeitgestaltung ist auch das geringe Einkommen. Das Gehalt, das er als Schweißer in den Freckenhorster Werkstätten verdient, „geht komplett für Miete und Nebenkosten drauf“, sagt Jens Ritzki. Mit der Grundsicherung, die er von der Gemeinde Ostbevern dazu bekommt, muss er gut haushalten. „Oft melden wir die neuen Klienten bei der Tafel an“, erklärt Ingmar Bley einen notwendigen Sparansatz. Trotz seiner knappen Haushaltskasse möchte Rzitki die Selbständigkeit nicht mehr missen. Nach und nach richtet er seine Wohnung ein, kann über Telefon und Internet Kontakt halten.

Nur in einem Fall ist der Auszug bislang gescheitert und der Bewohner zurückgekehrt, sagt Marlis Albersmann. Die Mitarbeiter in den Wohnheimen kennen die Bewohner gut und können sie auf das eigenständige Leben vorbereiten. Dazu gibt es Zwischenstufen wie das dezentrale Wohnen, bei dem die Caritas noch als Mieter auftritt. Als wichtig für das Gelingen sieht Albersmann vor allem auch, dass es verschiedene Formen des ABW gibt von der Einzelwohnung über mehrere Appartments in einem Gebäude bis zu Wohngemeinschaften. Und wenn es doch mal schief geht: „Bei Überforderung besteht im Caritasverband im Kreisdekanat Warendorf auch die Möglichkeit der Rückkehr in ein Wohnheim“, sagt Marlis Albersmann.

Hier zeigt sich der Landschaftsverband zur Zeit recht offen, beobachtet Thomas Empting. Etwas Sorge hat er, ob das auf Dauer so bleiben wird. Außerdem warnt er davor, das ABW als Patentlösung für alle behinderten Menschen zu sehen. Für eine ganze Reihe von ihnen bleibe das Wohnheim die geeignetere Lebensform. Dafür spreche nicht zuletzt die hohe Zufriedenheit der Bewohner. „Von den Kostenträgern und der Politik dürfen die nicht vergessen werden, die nicht ins ABW können“, sagt Empting. Auch sei das ABW nicht bei jedem behinderten Menschen die Möglichkeit, Kosten zu sparen. Wenn man die Verselbständigung ernst nehme und Qualität wolle, könne auch das Gegenteil der Fall sein.

Für Jens Rzitki jedenfalls war es die richtige Entscheidung. Er genießt seine Freiheit trotz einiger Wermutstropfen wie den beständig wartenden Haushaltsaufgaben. „Das bleibt schon mal zwei Tage liegen, aber dann schlage ich ran“, bekennt er. Selbständigkeit fordert eben auch Selbstverantwortung.

43/2009 4. Mai 2009

Mit Ersatzschlüssel und zwei Weckern ins eigene Leben

Foto: Rat kann sich Jens Rzitki jederzeit bei Ingmar Bley und Marlis Albersmann holen. Er genießt das selbständige Leben in der eigenen Wohnung im Rahmen des Ambulant Betreuten Wohnens.

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