Interview mit Thomas Empting (Leitung)

Lorenz-Werthmann Haus (Wohnheim für Menschen mit Behinderung)

Stand: 22.04.2020

Wie sieht ein normaler Arbeitsalltag im Lorenz-Werthmann Haus aus?

TE: Der Frühdienst beginnt um sechs Uhr morgens und begleitet die Bewohner*innen, die in die Werkstatt gehen. Begleitung bedeutet Unterstützung, Pflege, aber auch Vollpflege, je nachdem, was der*die Bewohner*in für einen Bedarf hat. Dann wird gefrühstückt und um kurz nach sieben werden die Bewohner*innen von den Fahrdiensten abgeholt. Die Mitarbeiter*innen kümmern sich dann um die Bewohner*innen, die schon berentet sind. Das ist bei uns in Ostbevern eine relativ große Gruppe mit elf Vollzeit-Rentner*innen. Dazu kommen nochmal vier Bewohner*innen, die eine Vier-Tage-Woche haben, also einmal pro Woche nicht mehr die Werkstatt gehen. Um 10 Uhr kommen die Mitarbeiter*innen der Tagesstruktur und begleiten die Bewohner*innen über den Tag. Mittags wird gemeinsam gegessen, gegen 14 Uhr gehen die Bewohner*innen in eine begleitete Pause. Um 15 Uhr kommen die Mitarbeiter*innen für den Spätdienst. Die Bewohner*innen, die in der Werkstatt arbeiten, kommen gegen 16:30 Uhr nach Hause, dann gibt es erstmal ein gemeinsames Kaffeetrinken und der Nachmittagsablauf beginnt. Es gibt feste Termine, wie Einkaufen oder Besuche, ärztlicher Sprechstunden, die geregelt werden müssen und bei denen die Bewohner*innen Begleitung brauchen. Am späten Nachmittag schauen einige Bewohner*innen noch ihre Serien oder sind bei schönem Wetter im Garten. Dann beginnen die Vorbereitung für den Abend.

Wie viele Gruppen und Bewohner*innen gibt es im Lorenz-Werthmann Haus?

TE: Es gibt drei Gruppen mit insgesamt 25 Bewohner*innen. Wir haben noch eine Bewohnerin im sogenannten „dezentralen Einzelwohnen“, die mit ein paar Stunden in der Woche durch eine*n Mitarbeiter*in betreut wird.

Wie viele Mitarbeiter*innen sind im Lorenz-Werthmann Haus beschäftigt?

TE: Im Lorenz-Werthmann Haus sind aktuell 27 Mitarbeiter*innen beschäftigt.

Was hat sich seit Beginn der Corona-Pandemie verändert?

TE: Durch das Beschäftigungsverbot in den Werkstätten, haben sich die Dienstzeiten für unsere Mitarbeiter*innen stark verändert, da die Bewohner*innen nicht mehr in die Werkstatt gehen. Der Frühdienst endet jetzt nicht mehr um 10 Uhr, sondern die Mitarbeiter*innen müssen wirklich den kompletten Tag abdecken, ähnlich wie das am Wochenende der Fall ist. Die Tagesstruktur läuft allerdings normal weiter, das heißt die Mitarbeiter*innen kommen auch weiterhin um 10 Uhr und arbeiten bis 14 Uhr oder 15 Uhr. In dieser Zeit haben wir jetzt den Vorteil, dass wir die Gruppengrößen verkleinern können, so dass sich die Mitarbeiter*innen besser um einzelne Bewohner*innen kümmern können. Die Bewohner*innen gehen aber auch nicht mehr raus. Sie begleiten auch nicht mehr den Einkauf für die Gruppe. Vor der Pandemie sind immer wenigstens ein oder zwei Bewohner*innen mitgefahren, um den Einkauf zu begleiten. Das passiert jetzt nicht mehr, weil die Mitarbeiter*innen den Schutz der Bewohner*innen beim Einkauf nicht mehr gewährleisten können. Insgesamt werden gerade also ziemlich viele Überstunden aufgebaut. Schön ist, dass wir aus anderen Bereichen des Caritasverbandes Unterstützung bekommen. Eine Mitarbeiterin aus der heilpädagogische Frühförderung unterstützt uns zum Beispiel im Nachmittagsbereich für zweieinhalb Stunden.

Hat sich das Leben im Lorenz-Werthmann Haus durch den Wegfall der Arbeitszeit der Bewohner*innen verändert?

TE: Dreimal in der Woche bieten wir jetzt einen Kiosk für die Bewohner*innen an. Den Kiosk haben die Mitarbeiter*innen aufgebaut, mit Klebestreifen auf dem Boden, um die zwei Meter Abstand im häuslichen Umfeld einüben zu können. Die Bewohner*innen können am Kiosk zum Selbstkostenpreis Süßigkeiten oder Getränke einkaufen. Darüber hinaus ergeben sich viele Aktionen situativ. Die Bewohner*innen sind bei schönem Wetter viel draußen im Garten oder puzzeln. Es gibt Bewohner*innen, die malen. Häufig sind es Beschäftigungen, mit denen die Bewohner*innen auch sonst ihre Freizeit verbringen. Es werden auch kleinere Fahrradtouren mit einzelnen Bewohner*innen gemacht. Es gibt Filmnachmittage oder es wird gebacken.

Empfangen die Bewohner*innen noch Besuch?

TE: Nein, aktuell nicht. Teilweise backen Angehörige Kuchen und stellen diese dann vor die Tür. Leider dürfen sie uns aktuell aber nicht mehr besuchen. Das ist für die Bewohner*innen und für die Mitarbeiter*innen gleichermaßen schwer, auch weil wir keine Aussage tätigen können, wann sich die Situation wieder ändern wird.

Wie ist die Stimmung unter den Bewohner*innen?

TE: Unter den Bewohner*innen ist die Stimmung im Großen und Ganzen gut. Bei einzelnen Bewohner*innen merkt man, dass sie etwas unruhiger werden, weil sich der Zeitraum so lange hinzieht. Ich habe einen Bewohner, der sitzt jetzt viel bei mir im Büro, kommt und geht zwischendurch immer wieder, da merkt man schon, dass ein bisschen die Struktur des geregelten Alltags fehlt, aber insgesamt ist die Stimmung noch ganz gut.

Wie ist die Stimmung unter den Mitarbeiter*innen?

TE: Insgesamt auch noch ganz gut. Zwischendurch kommt immer mal wieder die Frage auf, was passiert, wenn jetzt tatsächlich ein Infektionsfall auftritt oder ob noch genügend Desinfektionsmittel zu bekommen ist. Die große Frage ist tatsächlich, was passiert, wenn wir in der Einrichtung eine Quarantänesituation haben. Wie wird das dann sein? Wenn es einen Verdachtsfall gibt, melden wir diesen dem Gesundheitsamt und besprechen dann alles Weitere. Dass Schutzausrüstung vorrätig sein wird, haben wir mit dem Vorstand und mit den anderen Wohnheimleitern besprochen. Da wir alle nicht wissen, an welcher Stelle erste Infektionen auftreten werden, ist es sinnvoll nicht alle Einrichtungen gleichermaßen auszustatten, sondern eine zentrale Stelle zu haben, auf die einzelne Einrichtungen dann im Bedarfsfall zugreifen können. Es ist schon sehr gut, dass wir ein großer Verband sind, von dem man dann auch viel Unterstützung bekommen kann.

Sind schon Mitarbeiter*innen oder Beschäftigte erkrankt?

TE: Nein, wir hatten zwischendurch Unsicherheiten bei einzelnen Mitarbeiter*innen, die sozusagen Drittkontakt hatten. Dass also ein*e Mitarbeiter*in mit jemandem Kontakt hatte, der zwei Tage vorher Kontakt mit jemandem hatte, der positiv getestet worden ist. Das hat dann erstmals zu Fragen geführt, die aber alle geklärt werden konnten.

Gibt es einen Moment in den letzten Wochen, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

TE: Die Geschwindigkeit mit der sich die Ereignisse ab dem 14. März entwickelt haben, ist schon deutlich in Erinnerung geblieben. Die Mitteilung, dass es nur noch eingeschränkte Kontakte geben soll, die Weitergabe dieser Information an die Kolleginnen und Kollegen, das Betretungsverbot für die Werkstätten und die weitere Verschärfung der Besuchsverbote, das sind die Ereignisse, mit deren Auswirkungen wir ja jetzt umgehen müssen. Solche einschneidenden Veränderungen hat es innerhalb von so kurzer Zeit vorher noch nie gegeben.