Interview mit Ulrike Klemann (Leitung)

Fachdienst für Integration und Migration

Stand: 27.05.2020
Fotografie Ulrike Klemann

Ulrike Klemann

Migrationsberatung für Erwachsene, die Integrationsagentur, Flüchtlingsberatung: der Fachdienst für Integration und Migration bietet viele Leistungen an. Welche Struktur verbirgt sich dahinter?

UK: Der Fachdienst für Integration und Migration (FIM) ist aus verschiedenen Bereichen hervorgegangen – unter anderem aus der Aussiedlerberatung, der Beratung für ausländische Arbeitnehmer und der Flüchtlingsberatung. Zum Fachdienst für Integration und Migration gehören jetzt die Migrationsberatung für Erwachsene (MBE), die regionale Flüchtlingsberatung, die Integrationsagentur, die Ehrenamtskoordinierung und andere Arbeitsbereiche wie Projekt- und Gruppenarbeiten. Dem Fachdienst für Integration und Migration sind auch die Allgemeine Sozialberatung und das Quartiersmanagement angegliedert. Neben Beratung bieten wir Schulungen und Kurse an. Als Integrationsagentur haben wir unter anderem den Schwerpunkt „Interkulturelle Öffnung“, in dem wir seit 2010 Schulungen und Fortbildungen für Erzieher*innen und andere Berufsgruppen durchführen. Für Einrichtungen und Interessierte bieten wir zudem Qualifizierungsmaßnahmen an, begleiten Teams und arbeiten auch mit externen Referenten zusammen. Seminarthemen sind zum Beispiel „Interkulturelle Kompetenz in Zusammenhang mit Geschlechtern, Gesundheit und Krankheit, Migration und Behinderung, Pflege und Betreuung“ oder „Arbeit mit multikulturellen Teams“. Der FIM ist somit Ansprechpartner für Menschen mit Migrationshintergrund, für Einheimische, aber auch Einrichtungen.

Wie viele Mitarbeiter*innen sind den unterschiedlichen Schwerpunkten tätig?

UK: Insgesamt sind im Fachdienst für Integration und Migration, der in zehn Kommunen aktiv ist und drei weitere Kommunen im Kreis mitbedient, sieben hauptamtliche Mitarbeiter*innen tätig, die aber nicht alle in Vollzeit arbeiten. Die zur Verfügung stehenden Stellen sind sehr gering. Wir haben zwei Standorte in Warendorf und Beckum und einen Schwerpunkt Quartiersmanagement in Ennigerloh. Unterwegs sind wir im ganzen Kreisgebiet.

 Wie sieht ihre Arbeit im Kreis aus?

 UK: Mit dem Arbeitsschwerpunkt „Integrationsagentur“ sind wir in diversen Arbeitskreisen, wie zum Beispiel im Netzwerk „Frühe Hilfen“, in mehreren Kommunen aktiv. Wir sind in viele Gruppen in unterschiedlichen Sozialräumen und Netzwerken eingebunden. Projektplanung und Unterstützung von bürgerschaftlichem Engagement werden ergänzt durch die unterschiedlichen Beratungsbereiche. Auch die Koordinierung der Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe bezieht sich auf alle Kommunen.

Wie sieht ein normaler Arbeitsalltag beim Fachdienst für Integration und Migration aus?

UK: Alle Arbeitsbereiche haben eigene Abläufe, einen normalen Arbeitsalltag zu beschreiben ist daher schwierig. Regulär haben wir Arbeitszeiten von acht bis sechzehn Uhr. An den Standorten bieten unsere Berater Sprechstunden an und unterstützen darüber hinaus per Mail, Post oder Telefon. Im Bereich der Integrationsagentur und Ehrenamtskoordination wie auch in der Quartiersarbeit sind wir viel am Abend und am Wochenende unterwegs. Auch Gruppenarbeiten und Kursaktivitäten finden oft nicht innerhalb der regulären Arbeitszeit statt.

Was hat sich seit Beginn der Corona-Pandemie verändert?

UK: Die persönliche Beratung unserer Klienten*Klientinnen mussten wir einstellen. Aktuell beraten wir telefonisch, über E-Mail oder per Chat, aber auch auf dem postalischen Weg. Der direkte Kontakt bei unserer offenen Sprechstunde findet aktuell kaum statt.  Die Gruppenangebote sowie Schulungen wurden eingestellt. Wir nutzen digitale Medien, um Kontakte aufrecht zu erhalten.

Wie nehmen Ihre Klienten*Klientinnen den veränderten Alltag wahr?

UK: Zuerst war die Situation natürlich irritierend, wie für jeden von uns. Insgesamt haben unsere Klienten*Klientinnen sowie die Teilnehmer*innen der weiteren Angebote die Veränderungen aber gut angenommen. In der Situation liegt auch eine Chance der Umstrukturierung. Oft erreichen uns jetzt nur noch Fragen oder Probleme, die dringend sind und umgehend gelöst werden müssen. Die Eigenverantwortung und Selbstinitiative unser Klienten*Klientinnen hat zugenommen. Die Berater geben mir die Rückmeldung, dass sie, aufgrund der geringeren Anzahl an Klienten*Klientinnen, mehr Zeit für einzelne Beratungen haben. Die Beratung ist daher intensiver. Mir stellt sich aber schon die Frage, wo die Klienten*Klientinnen sind, die wir nicht mehr erreichen. Haben sie ihre Fragen selber beantworten können oder fehlt ihnen der Zugang zu uns?

Welche Rolle spielt der Fachdienst für Integration und Migration bei der Weiterleitung und Aufbereitung von aktuellen Informationen an Migranten und Flüchtlinge? Sind alle ihre Klienten*Klientinnen gut informiert?

UK: Der Fachdienst für Integration und Migration hat unterschiedliche Zielgruppen: Menschen mit Migrationshintergrund, Einheimische, andere Dienste, Einrichtungen und Institutionen. Die Kollegen*Kolleginnen in der Beratung arbeiten mit Menschen mit Fluchterfahrung oder Menschen, die als Arbeitnehmer gekommen sind. Wir arbeiten aber auch in anderen thematischen Feldern, zum Beispiel mit Elternbegleitern* Elternbegleiterinnen im Rucksackprojekt, Ehrenamtlichen oder in Männer- und Frauengruppen. Wir beraten und unterstützen junge und alte Menschen, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Zum Thema Aufarbeitung von Informationen: Wir informieren, geben Rückmeldung zum aktuellen Stand und erklären die Zusammenhänge in Gesprächen. Vor dem Hintergrund der aktuellen Informationsflut beschränken wir uns aber auf wirklich notwendige Informationen. Allgemeine Informationen geben wir auf Nachfrage weiter. Wir informieren bewusst, da viele bereits gut aufgeklärt sind. Viele haben Kinder und beziehen Informationen aus den Kindertageseinrichtungen oder Schulen. Wenn man alles doppelt und dreifach weitergibt, ist das einfach zu viel. Darüber hinaus haben wir viele Flüchtlinge, die in Initiativen Mundschutze nähen und mit der Thematik daher vertraut sind. Die Aufklärung hat dann oftmals über Ehrenamtliche stattgefunden.

Gibt es eine besondere Stimmung unter ihren Mitarbeitenden und Klienten*Klientinnen oder ist die Stimmung vergleichbar mit der allgemeinen Unsicherheit die aktuell vorherrscht?

UK: Ich glaube, dass alle zurzeit unsicher sind. Geflüchtete sind Menschen wie du und ich. Sie sind in der Regel schon länger als 14 Tage in Deutschland und stellen daher erstmal keine besondere Risikogruppe dar. Eine anfängliche Unruhe bei unseren Mitarbeitenden, gerade bei den über 60-jährigen, die ja zur Risikogruppe gehören und bei den Ehrenamtlichen hat sich gelegt. Alle halten sich an die Hygienemaßnahmen, gehen mit gesundem Menschenverstand vor und behalten einen kühlen Kopf. Die Sorgen halten sich also einigermaßen in Grenzen.

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionszahlen werden aktuell gelockert. Bieten Sie bald wieder Sprechstunden an?

UK: Aktuell sehen wir vor unsere Sprechstunden nach und nach wieder anzubieten. Wir haben im Eingangsbereich jetzt ein Stehpult mit einem Spuckschutz, so dass wir Beratungen nach Anmeldung wieder durchführen können. Unsere Räumlichkeiten ermöglichen es uns zudem unterschiedliche Eingänge zu nutzen. Beratungen nach Termin könnten wir daher, unter den notwendigen Hygiene- und Infektionsschutzvorgaben, anbieten. Wir arbeiten zurzeit an der Umstrukturierung der bisher offenen Sprechstunden. Die Gruppenaktivitäten, die neben der Beratung auch zu unserem Angebot gehören, werden langsam wieder hochgefahren. Aktuell nutzen wir Videochats, um miteinander in Kontakt zu treten. Einige Qualifizierungsmaßnahmen und Schulungen können jetzt auch wieder starten. Ende Mai findet die erste Veranstaltung zum Thema „Die Arbeit mit interkulturellen und diversen Teams“ statt. Vorgabe sind maximal acht Personen in einer eher frontal ausgerichteten Fortbildung, mit Einzelarbeitsmodulen.

Sind schon Mitarbeiter*innen oder Klienten*Klientinnen erkrankt?

Bisher wurden bei zwei Mitarbeiter*innen Testungen durchgeführt. Beide waren negativ. Von Erkrankungen im beruflichen Kontext haben wir weniger gehört, eher im privaten Bereich.

Gibt es Momente in den letzten fünf Wochen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

UK: Eine deutlichere Veränderung des Alltagsgeschehens kann man sich ja kaum vorstellen. Das war auf der einen Seite schon eine Herausforderung. Auf der anderen Seite hat sich uns dadurch aber auch die Möglichkeit geboten das Alltagsgeschehen zu durchbrechen, Möglichkeiten wie digitales Lernen anzunehmen und etwas zu verändern. Es ist eine Chance die etablierten Strukturen in der Beratung und Begleitung zu verändern und Potential in der Selbsthilfe und Eigeninitiativen unserer Klienten*Klientinnen zu wecken. Eine negative Erfahrung ist natürlich die Tatsache mit den Menschen nicht direkt in Kontakt treten zu können, Beziehungen aufzubauen und zu pflegen. Beziehungsarbeit ist in der Migrationsarbeit ganz wichtig. Auf dieser Ebene leiden wir natürlich unter der Distanz.

Bringt die aktuelle Situation die Menschen langfristig auseinander oder führt sie sie zueinander?

UK: Ich glaube, dass der Zusammenhalt und die Verantwortung aufeinander aufzupassen wachsen. Darin liegt eine Chance. Jeder sieht natürlich erst einmal seinen eigenen Schutzbereich, da viele Menschen Angst haben. Die Hilfesysteme, die sich trotzdem entwickelt haben, bezeugen aber auch das Gegenteil. Den Blick füreinander zu bekommen, das hat die jetzige Situation gefördert. Das finde ich phänomenal. Aktuell vollziehen viele Menschen einen Perspektivwechsel, sie unternehmen den Versuch nachzuspüren, wie andere empfinden. Das führt zu einer großen Hilfsbereitschaft, von der alle profitieren. Auch im Bereich der interkulturellen Kompetenz ist die Fähigkeit zum Perspektivwechsel elementar wichtig: sich in Menschen mit anderen Ethnien und Nationalitäten hineinzuversetzen und zu überlegen, warum er oder sie etwas anders versteht als ich. Wir machen uns aktuell viele Gedanken darüber, wie wir miteinander umgehen. Langfristig wird uns das zueinander führen.