Interview mit Monika Eiken (Bereichsleitung)

Intensivpädagogische Jungengruppe / Erziehungshilfe St. Klara

Stand: 29.04.2020
Fotografie Monika Eiken

Monika Eiken

Die heilpädagogisch-therapeutischen Jungenwohngruppen mit intensivpädagogischem Konzept in Beckum sind ein Baustein der Erziehungshilfe St. Klara. Was verbirgt sich dahinter?

ME: In Unterberg haben wir drei Jungen-Intensivgruppen und zwei Schulklassen. Die Intensivwohngruppen heißen „Die Hobbits“. Es gibt drei Jungengruppen: Bilbo, Frodo und Samweis, in denen jeweils sechs bis sieben Jungen mit intensiv-pädagogischem Förderbedarf wohnen. Die Kinder kommen aus ganz Deutschland zu uns. Die jüngsten, die wir aufnehmen sind sieben Jahre alt. Bis zu ihrem 21. Lebensjahr können die Kinder und Jugendlichen bei uns bleiben. Zu uns kommen Kinder, die sich in anderen Regelgruppen nicht zurechtgefunden haben und die aufgrund ihrer Bedarfe und ihrer Problematiken nicht mit einer Regelbetreuung auskommen. Viele Kinder begleiten wir mit einer Eins-zu-Eins-Betreuung durch den Tag. Manche Kinder können sich nur schwer oder gar nicht regulieren, sind schnell von schweren Gefühlen überfrachtet und reagieren darauf in unterschiedlichster Weise. Diese Kinder brauchen jemand an ihrer Seite, eine Assistenz, die sie beruhigt und Situationen noch einmal erklärt.

Gibt es in der Erziehungshilfe St. Klara auch Regelgruppen? 

ME: Ja, es gibt mehrere Regelgruppen. Manchmal kommen Kinder auch aus unseren Regelgruppen zu uns, wenn festgestellt wird, dass der normale Betreuungsschlüssel nicht ausreicht.

Wie viele Mitarbeiter*innen arbeiten in den Wohngruppen?

ME: In jeder Gruppe arbeiten fünf feste Pädagoginnen und Pädagogen. Hinzu kommen Bufdis* und Auszubildende. Jede Gruppe hat darüber hinaus eine Hauswirtschafterin, die von 7:30 Uhr bis circa 12:30 Uhr arbeitet.

Wie sieht ein normaler Alltag in einer intensivpädagogischen Wohngruppe aus?

ME: Die Kinder und Jugendlichen werden morgens gegen 6:30 Uhr geweckt, dann frühstücken sie gemeinsam und machen sich für die jeweilige Schule oder die Arbeitsstätte fertig. Einige Kinder gehen in Beckum auf Schulen, andere besuchen die Werkstätten, ein weiterer Teil geht in die einrichtungsinternen „Hobbitklassen“. In diesen beiden Klassen sind jeweils ein*e Förderschullehrer*innen und ein*e Pädagoge*Pädagogin, die jeweils vier bis fünf Kinder unterrichten. Nach der Schule gehen die Kinder zum Mittagessen, die anderen Kinder kommen ein bisschen später. Nachmittags ist Freizeitbeschäftigung angesagt: einige Kinder werden zum Fußballverein oder zum Schwimmen begleitet, machen Bekleidungseinkäufe oder Arztbesuche. Abends treffen sich die Kinder zum Abendessen. Jedes Kind der Wohngruppen hat ein eigenes Zimmer, das es als Rückzugsort nutzen kann.

Was hat sich seit Beginn der Corona-Pandemie verändert?

ME: Seit Beginn der Corona-Pandemie und der Kontaktbeschränkungen hat sich vieles geändert.  Der größte Unterschied ist natürlich, dass alle Kinder jetzt immer hier vor Ort sind. Das ganze Leben spielt sich seitdem hier auf dem Gelände ab. Wir haben die Tagesstruktur entsprechend geändert, damit die Kinder weiterhin eine Orientierung und Sicherheit haben. Die Kinder frühstücken jetzt zwischen acht und neun Uhr und erarbeiten danach, zusammen mit den Pädagogen*Pädagoginnen, die Aufgaben in den Grundfächern, die die Lehrer*innen vorbereitet haben. Nach einer Pause gibt es dann einen Projektteil, mit Lernaufgaben und Wissensfilmen. Die Kinder werken auch mit unserem Hausmeister. Sie haben zum Beispiel Nistkästen gebaut oder Insektenhotels. Einige Kinder kochen mit den Hauswirtschafterinnen zusammen. Das findet alles morgens statt. Dann essen die Kinder gemeinsam zu Mittag und schauen um 13:30 Uhr welche Freizeitangeboten es nachmittags gibt: zum Beispiel begleitete Fahrradtouren, Gesellschaftsspiele, Schachkurse oder Basketball. Vor einigen Jahren haben die Kinder einen eigenen Fußballverein gründet, den FC Unterberg.  Zweimal in der Woche findet das Training statt. Normalerweise geben die Kinder immer montags ihr Taschengeld in der Stadt aus. Wir haben also schnell einen Kiosk mit den Jugendlichen eingerichtet und haben gemeinsam überlegt, was es dort alles zu kaufen geben muss. Der Kiosk hat zweimal in der Woche für eine halbe Stunde geöffnet, so dass die Kinder auch weiterhin einkaufen gehen können. Ab 16:00 Uhr steht der Nachmittag zur freien Verfügung. Um 18 Uhr gibt es Abendbrot.

Wie nehmen die Kinder den veränderten Alltag an?

ME: In der ersten Woche waren natürlich viele Ängste da. Fragen danach, wie es jetzt weiterläuft und was da auf uns zukommt. Die Kinder freuen sich natürlich auf die Zeit, wenn alles überstanden ist. Sie sehen aber auch, dass wir das Privileg haben uns distanzieren zu können, um Abstand zu halten. Die Situation der Kinder in den Flüchtlingslagern ist ja eine ganz andere. Masken sind bei uns ein Thema. Wir haben Masken ausprobiert und besprochen, wie das Tragen der Masken funktioniert, damit sich die Kinder daran gewöhnen. Jeden Mittag schauen wir auf die Schlagzeilen aus den Medien, auch auf die Zahl der Erkrankten. Informationen schaffen Sicherheit. Insgesamt finden die Kinder die veränderte Struktur gut, da alles auf ihre Interessen abgestimmt ist. Die Mitarbeiter*innen haben viel Zeit, es wird viel gemeinsam gespielt, viel erklärt und es finden Aktivitäten statt. Viele genießen, dass der Alltag entschleunigt ist.

Wie haben sich die Dienstzeiten für die Mitarbeiter*innen verändert?

ME: Die Mitarbeiter*innen sind jeweils zu dritt im Dienst, morgens bis 13 Uhr und nachmittags bis 20:30 Uhr. Eigentlich haben wir die gleiche Betreuungssituation wie vor der Pandemie. Wichtig ist sicherzustellen, dass die Tagesstruktur aufrechterhalten bleibt und gut umgesetzt werden kann.

Wie ist die aktuelle Versorgungslage mit Schutzkleidung und Hygieneartikeln?

ME: Für die Kinder gibt es Masken. Wir haben zum Beispiel einen Jungen, der macht jetzt seine Abschlussprüfung und muss mit Maske in die Schule. Ansonsten sind die Kinder hier ohne Masken unterwegs. Wir sind eine Hausgemeinschaft und können die Gruppen nicht voneinander trennen. Wir Mitarbeiter*innen tragen zum Einkaufen Masken, aber sonst nicht.  Die Möglichkeiten zur Handdesinfektion haben wir natürlich hochgefahren. Die Nutzung war ganz schnell selbstverständlich. Daran hält sich jeder.

Sind schon Mitarbeiter*innen oder Kinder in den Wohngruppen erkrankt?

ME: Es sind keine Mitarbeiter*innen oder Kinder erkrankt.

Wie gehen die Mitarbeiter*innen mit der Situation um?      

ME: Alle haben die Situation realistisch beurteilt und geschaut wie es weitergehen kann. Wir haben gemeinsam überlegt, wie wir den Kindern Ängste nehmen und ihnen die Situation erklären können. Wir sehen uns als Hausgemeinschaft, pflegen diese und versuchen das Beste aus der Situation zu machen. Vielleicht können wir aus dieser Situation ja auch etwas lernen und gehen gestärkt daraus hervor. Das wird mit den Kindern oft thematisiert.

Gibt es Momente in den letzten fünf Wochen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

ME: Es ist sehr schön zu sehen, dass die Umstellung der Tagesstruktur und der Angebote so gut funktioniert hat und dass das gesamte Team mit einem so hohen Engagement dahintersteht, um die Kinder gut durch diese Zeit zu bringen. Die Kinder hier haben früher viele gefährdende Momente erleben müssen und begreifen die aktuelle Situation daher als absolut. Sie fragen, ob wir jetzt sterben, was man tun kann und wie Krankheitsverläufe aussehen. Es hilft immer wieder darüber zu sprechen. Das ganze Team arbeitet daran die Situation für diese Kinder, die die aktuelle Unsicherheit manchmal noch viel intensiver nachempfinden, so gut wie möglich zu meistern und gemeinsam zu überstehen.

 

*Bufdi: Absolvent des Bundesfreiwilligendienstes (BFD)