Interview mit Markus Weber (Geschäftsführer)

Caritas ambulante Dienste (CAD)

Stand: 06.05.2020

Wie sieht ein normaler Arbeitsalltag in den Sozialstationen der CAD aus?

MW: Insgesamt betreuen wir an unseren Sozialstationen rund 2000 aktive Pflegepatienten*Pflegepatientinnen, die jeden Tag, einmal in der Woche oder an mehreren Wochentagen versorgt werden. Die Pflegen beginnen ab circa 6:00 Uhr. Eine große Anzahl unserer Mitarbeiter*innen fährt morgens direkt zu den ersten Kunden*Kundinnen. Mit ihrer Frühdienst-Tour sind unsere Mitarbeiter*innen überwiegend zwischen 11:00 Uhr und 12:00 Uhr, spätestens 12:30 Uhr fertig. Die Tourensteuerung wird aktuell teilweise auch aus dem Home-Office vorgenommen. Wir haben Zugangsmöglichkeiten geschaffen, um die Leistungs- und Tourenerfassung digital abzubilden und zu speichern. Im Büro haben wir eine Besetzung für mögliche Notfälle oder wichtige Fragen, die unsere Kunden*Kundinnen mit der Einrichtungsleitung oder Stellvertretung besprechen wollen. Am Nachmittag laufen die Nachmittags-Touren und gegen 21:00 Uhr enden die allermeisten Spätdienst-Touren und der Feierabend beginnt.

Wie viele Sozialstationen gibt es und wie viele Mitarbeiter*innen arbeiten bei der CAD?

MW: Wir haben an acht Standorten Sozialstationen, die alle eine eigene IK-Nummer haben, also als eigener Standort von den Pflegekassen anerkannt sind. Bei der CAD arbeiten insgesamt rund 550 Mitarbeiter*innen, dazu gehören nicht nur Kräfte in der Pflege und für Hauswirtschaft und Betreuung, sondern auch Tourenplaner, Leitungs- und Verwaltungskräfte, Stabsstellen für QM und Fuhrparkverwaltung und die Geschäftsführung. Neben den acht Sozialstationen haben wir eine Tagespflegeeinrichtung in Wadersloh und zwei Tages-Betreuungshäuser in Beckum und Oelde. Darüber hinaus unterhalten wir zwei ambulant betreute Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz im Wibbelt-Carrée im Oelder Norden. Seit dem 1. April 2020 sind wir auch mit einem Beratungsbüro in Liesborn vertreten. Auch wichtig besonders in dieser Zeit: unsere beiden Auslieferungsstandorte für das momentan stark nachgefragte „Essen auf Rädern“ für die Altkreise Beckum und Warendorf.

Was hat sich seit Beginn der Corona-Pandemie verändert?

MW: In den ersten Tagen war schon eine Verunsicherung zu spüren: Sofort kamen Fragen danach auf, wie es jetzt weitergeht oder wie man sich verhalten muss, wenn man sich krank fühlt. Wir mussten erstmal einen ganzen Stapel an Informationen zusammenstellen und uns darüber klarwerden, was für uns wirklich wichtig ist. Newsletter und Informationsschreiben mussten gefiltert, kompakt geschrieben und so aufbereitet werden, dass das Wesentliche verständlich zusammengefasst ist. Da haben wir jetzt eine gewisse Routine. Auch das Thema Schutzmasken sind wir frühzeitig angegangen. Wir waren mit dem Nähen im Grunde schon fertig, bevor alle anderen auf den Markt kamen und Leistungen angeboten haben. Unsere 2000 Masken waren zu dem Zeitpunkt schon an die Standorte verteilt. Auch die Nachbestellung von Masken und die Besorgung von Desinfektionsmitteln und weiterer Schutzausrüstung haben wir frühzeitig geregelt. Das war zu Anfang auch wegen der erheblichen Lieferengpässe sehr aufregend für alle, aber diese Aufregung hat sich wirklich deutlich gelegt. Wir haben bisher mit den Einrichtungsleitungen zwei Krisentreffen abgehalten. Wenn nicht noch etwas Gravierendes passiert, wird es noch ein weiteres Treffen geben. Das reicht vollkommen aus. Stark verändert hat sich dagegen unsere Projektarbeit, also Arbeiten im Bereich strategischer Weiterentwicklung, dafür haben wir momentan überhaupt keine Kapazitäten. Wir arbeiten wirklich nur im Kerngeschäft: Pflege und Betreuung. Ein Thema mit dem wir uns, wie viele andere Unternehmen auch, leider auseinandersetzen mussten ist Kurzarbeit. Unsere Tagespflegeeinrichtung und Betreuungshäuser sind behördlich geschlossen worden. Für die Kollegen* Kolleginnen ist das Thema Kurzarbeit natürlich erstmal ein Schock gewesen. Wir haben Beschäftigte, die 30, 35 oder 39 Stunden arbeiten. Wenn diese dann, für einen bestimmten Zeitraum, nur noch 60 % ihres Gehalts bekommen sollen, ist das schon sehr ernst. Wir haben auch geringfügig Beschäftigte, die nicht unter die Kurzarbeitsregel fallen. Sich damit zu beschäftigen ist für die CAD alles andere als normal. Da fehlt uns auch das Wissen, weil wir mit solchen Themen sonst nicht konfrontiert sind. Tatsächlich ist es so, dass wir, dank der herausragenden Arbeit aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den letzten sieben Jahren, wirtschaftlich sehr stark dastehen. Daher müssen wir uns jetzt auch keine Sorgen machen, auch nicht in der Tagespflege und in den Betreuungseinrichtungen, die finanziell von uns unterstützt werden. Es ist ja so: zuerst wird Kurzarbeit beantragt und am Ende wird geschaut, ob sie tatsächlich gebraucht wurde. Die Differenz wollen wir natürlich so gut wie möglich aufstocken. Auch hier haben wir umgehend gehandelt und sind die wichtigsten Fragen schnell angegangen, gerade in Bezug auf die wirtschaftlichen Belange unserer Mitarbeiter*innen. Wir stehen im engen Austausch mit der Mitarbeitervertretung und kommunizieren offen miteinander, da gibt es keine Zurückhaltung oder Geheimnisse. In der Krise zeigt sich der Charakter von Menschen, ich denke das gilt auch für Arbeitgeber.

Wie ist die aktuelle Versorgungslage mit Schutzkleidung und Hygieneartikeln?

MW: Momentan haben wir keine Engpässe. Wir machen eine wöchentliche Abfrage an allen Standorten, erfragen den Bestand und die absehbare Entwicklung. Wir können nach wie vor auch Material beziehen, sowohl persönliche Schutzausrüstung, als auch Desinfektionsmittel. Sicherlich immer noch zu erhöhten Preisen, aber das ist momentan egal. Im Vordergrund steht der Schutz unserer Mitarbeiter*innen und unserer Kunden*Kundinnen.

Welche Erfahrungen machen Ihre Mitarbeiter*innen im täglichen Umgang mit den Menschen, die sie versorgen, beraten und betreuen?

MW: Unsere Kunden*Kundinnen reagieren sehr unterschiedlich, aus unterschiedlichen Beweggründen. Grundsätzlich ist es so, dass wir bei vielen Menschen eine große Verunsicherung festgestellt haben. Was ist das Corona-Virus? Wie kann ich mich schützen? Wie kann ich eine Ansteckung verhindern? Verunsicherung, ob die Pflegekräfte noch kommen oder überhaupt noch kommen sollen. Viele Menschen sind zurzeit in Kurzarbeit oder arbeiten zu Hause und können ihre Angehörigen jetzt selber versorgen. Unsicherheiten im Umgang miteinander haben unsere Mitarbeiter*innen in den letzten Wochen begleitet. Wir können nun mal nicht auf zwei Meter Distanz Körperpflege betreiben. Das funktioniert nicht. Voraussetzung ist ein gegenseitiges Vertrauen, zwischen unseren Kunden*Kundinnen und unseren Mitarbeitern*Mitarbeiterinnen. Wir haben das System der Bezugspflege, nach Möglichkeit sollen also immer die gleichen Mitarbeiter*innen unsere Kunden*Kundinnen betreuen. So entsteht eine Beziehung, ein Vertrauensverhältnis, das in dieser Zeit ganz wichtig ist. Es ist wichtig, dass man sich gegenseitig noch zulässt. Es geht nicht ohne diese persönliche Bindung und diesen persönlichen Kontakt. Wir haben festgestellt, dass die alten Menschen sehr unter den beschränkten Kontakten zu ihren Familien leiden und dass eine große Traurigkeit da ist. Viele haben angerufen und gebeten, dass wir kommen sollen, damit sie überhaupt noch irgendjemanden sehen.

Sind schon Mitarbeiter*innen oder Kunden*Kundinnen erkrankt?

MW: Ob Menschen, die wir betreuen infiziert sind können wir oft nur mutmaßen. Vermutungen von Kunden oder Angehörigen werden uns oft nicht mitgeteilt. Das ist auch nicht notwendig. Auch die Situation, dass Menschen, die wir pflegen ins Krankenhaus müssen, weil sich der Gesundheitszustand verändert, ist ja nicht neu. Das kann jetzt an Corona liegen, muss es aber nicht. Für unsere Mitarbeiter*innen ist es wichtig, dass sie sich selber gut geschützt fühlen, durch Mund- und Nasenschutz, Handschuhe und Desinfektionsmittel. Das ist alles vorhanden, so dass man hygienisch sauber arbeiten kann. In der Mitarbeiterschaft hatten wir einen bestätigten Corona-Fall, bei einem Kollegen, der aus dem Urlaub zurückgekommen und sofort in Quarantäne gegangen ist. Da er nicht im Dienst war, bestand auch keine Ansteckungsgefahr für andere Mitarbeitende. Darüber hinaus hatten wir vier weitere Fälle mit einem Verdacht auf eine Infektion, die Kollegen*Kolleginnen waren in häuslicher Quarantäne, ein bestätigter Fall war bislang nicht dabei.

Wie ist die Stimmung unter den Mitarbeitern*innen?           

MW: Unsere Einrichtungsleitungen berichten, dass die Kolleginnen und Kollegen sehr ruhig mit der aktuellen Situation umgehen. Hier und da ist ein geringes Maß an Nervosität spürbar, aber gerade unsere langjährig Beschäftigten reagieren sehr professionell. Das Thema ist ähnlich, wie seinerzeit SARS oder MERS oder viele Jahre lang MRSA. MRSA hat uns über drei, vier Jahre begleitet und hat heute keine große Relevanz mehr, weil es als völlig normal gilt. Viele unserer Mitarbeiter*innen haben daher eine abwartende Grundhaltung. Panikreaktionen gibt es nicht. Ich wüsste nicht, dass es eine bemerkbare Zahl an telefonischen Krankmeldungen gegeben hätte. Dafür sind unsere Kolleginnen und Kollegen zu gerne in der Pflege und auch zu professionell eingestellt.

Gibt es besondere Momente in den letzten fünf Wochen, die Ihnen in Erinnerung geblieben sind?

MW: Uns ist aufgefallen, dass unsere Kolleginnen und Kollegen sofort jemanden kannten, der Hilfe angeboten hat. Beim Thema Masken zum Beispiel. Wir hatten sofort zwei riesige Ballen Baumwollstoff, es standen entsprechende Nähmaschine und Menschen, die für uns genäht haben bereit. Alle haben sich gekümmert und haben Hand in Hand gearbeitet. Das ist alles sehr schnell und richtig gut organisiert gewesen, ohne dass man vorher einen riesigen Pandemieplan hätte erarbeiten müssen. Das hat funktioniert, als ob es normal wäre. Das hat mich wirklich sehr positiv überrascht. Gerade, weil wir alle, mich persönlich ganz ausdrücklich miteingeschlossen, sehr unter den ersten Tagen gelitten haben. Die Analyse der Situation und die Darstellung möglicher Konsequenzen waren, gerade in der ersten Krisensitzung, schon recht bedrückend. Das muss man einfach so sagen, weil man gar nicht fassen kann, was da tatsächlich auf einen zukommt. Wenn ich an die Gesamtwirtschaft in Deutschland und auf der Welt denke, abgesehen von einem vielleicht positiven Effekt auf das Klima, mit Blick auf die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft für unsere Kinder, bleibt da ein sehr ungutes Gefühl zurück.