Interview mit Birte Stuckstedte (Bereichsleitung)

Lummerland (Kurzzeitwohneinrichtung für Kinder und Jugendliche mit Behinderung)

Stand: 03.06.2020

Was ist das „Lummerland“ und wie sieht ein normaler Alltag in der Einrichtung aus?

BS: Das Lummerland ist eine Kurzzeitwohneinrichtung für Kinder und Jugendliche, die zu Hause bei ihrer Familie leben und für einen Urlaub, zur Entlastung der Eltern oder der Erziehungsberechtigten, hier ins Lummerland kommen. Die Kinder reisen montags bis samstags an und bleiben unterschiedlich lange bei uns.

Wie viele Mitarbeiter*innen arbeiten im Lummerland?

BS: Wir haben ein Team von 17 Mitarbeitern*Mitarbeiterinnen mit sehr unterschiedlichen Stellenanteilen – von jungen Studenten*Studentinnen, die zum Beispiel Sonderpädagogik oder Soziale Arbeit studieren und als Wochenendaushilfen bei uns arbeiten, bis zu unseren Fachkräften mit Vollzeitstellen. In der Regel werden sechs Kinder und Jugendliche von drei Mitarbeitern*Mitarbeiterinnen betreut.

Sind es oft die gleichen Kinder, die sie betreuten oder sind es immer unterschiedliche Kinder?

BS: Auf den sechs Plätzen, die zur Verfügung stehen, betreuen wir aktuell Kinder aus 85 Familien, fast alle aus dem Kreis Warendorf. Diese Anzahl ist ziemlich gleichbleibend. Die 85 Kinder teilen sich im Kalenderjahr also sechs Plätze. Es gibt Familien die belasteter sind oder Kinder haben, die mehr Pflege benötigen. Diese Kinder kommen vielleicht alle vier Wochen für ein paar Tage zu uns. Anderen Familien reicht es, dass ihre Kinder zwei, drei oder viermal im Jahr ins Lummerland kommen. Es sind also immer die gleichen Kinder, aber eben aus 85 Familien.

Haben Sie noch freie Kapazitäten oder sind sie gut ausgebucht?

BS: Zum Glück sind wir gut ausgebucht. Andernfalls wäre es auch schwierig sich wirtschaftlich zu halten. 85 Familien ist eine Anzahl mit der wir gut arbeiten können. Neue Familien können wir nur dann aufnehmen, wenn Jugendliche aus diesen 85 Familien zu alt werden – mit 21 Jahren scheidet man aus dem Lummerland aus – wenn Familien wegziehen oder sich Lebenssituation so verändern, dass der Bedarf der Familie nicht mehr gegeben ist. Jedes Jahr werden so ein paar Plätze frei, so dass neue Familien nachrutschen können. Leider gibt es eine Warteliste. Wenn man sich heute im Lummerland meldet, ist es sehr unwahrscheinlich zeitnah einen Termin bei uns zu bekommen, dennoch raten wir allen neuen Familien uns anzurufen und sich frühzeitig auf der Warteliste vormerken zu lassen.

Wie wird der Aufenthalt im Lummerland finanziert?

BS: Die Finanzierung ist eine Kombileistung. Die Pflegekasse zahlt für jedes Kind, unabhängig des Pflegegrades, bis zu 1612 € Kurzzeitpflegekosten im Jahr. Die Restkosten übernimmt der Landschaftsverband, auch um einer frühzeitigen Aufnahme in ein stationäres Wohnen von Kindern oder Jugendlichen entgegenzuwirken. Der Landschaftsverband investiert in die Entlastung von Familien.

Welche Aktivitäten finden an einem Urlaubstag im Lummerland statt?

BS: Das ist sehr unterschiedlich. An einem normalen Wochentag besuchen alle Kinder von uns aus ihre Schulen. Wir betreuen mittlerweile fast ausschließlich Kinder, die im Kreis Warendorf zu Hause sind und somit die Förderschulen in Warendorf, Beckum und Oelde besuchen. Wenige gehen auf die Regelschulen. Die Kinder und Jugendlichen kommen nachmittags erst relativ spät, zwischen 15:00 Uhr und 15:30 Uhr zum Lummerland zurück. Dann finden kleinere Ausflüge oder andere Beschäftigungen statt. Wir verpflegen uns komplett selbst, sprich es muss eingekauft werden. Wir überlegen, was die Kinder und Jugendlichen abends noch essen möchten und was am Wochenende gekauft werden soll. Vielleicht besuchen wir noch den Spielplatz, gehen spazieren, machen ein Picknick oder Grillen im Garten – all die Dinge, die man eben zu Hause auch tun würde. Am Wochenende, wenn mehr Zeit zur Verfügung ist, machen wir größere Ausflüge und orientieren uns an den Ideen der Kinder. Wir machen Ausflüge in Freizeitparks oder gehen ins Schwimmbad – alles, was sich Kinder im Urlaub so wünschen.

Wie sieht der Erstkontakt aus?

BS: Wir glauben und hoffen, dass wir mittlerweile im Kreis Warendorf recht bekannt sind. Spätestens, wenn die Kinder in den Kindergarten, den Förder-Kindergarten oder in die Schule gehen, bekommen die Eltern Informationen über das Lummerland. Die Eltern nehmen dann Kontakt zu uns auf und wir vereinbaren einen Termin. Sie kommen dann, entweder mit oder ohne Kind, vorbei und schauen sich das Lummerland in aller Ruhe an. Beim Erstkontakt gebe ich allen Eltern mit auf den Weg, dass sie keine Sorge haben müssen, ihre Kinder bei uns zu lassen. Viele Eltern tun sich schwer mit Gedanken ihre Kind in fremde Hände zu geben. Die Eltern und die Kinder sollen einfach reinschnuppern, um zu erfahren wie sie sich bei uns fühlen, wie die Gruppe aufgebaut und die Betreuung ist. Die Eltern können selber entscheiden, ob sie sich einen Aufenthalt für ihr Kind vorstellen können. In der Regel ist das Eis schnell gebrochen und die Eltern fühlen sich wohl. Erst dann geht es langsam in Richtung Planung: Was würde den Eltern guttun? Was ist für das Kind realistisch? Sollen wir mit einer Nacht starten oder mit einer Woche. Das ist ganz unterschiedlich, so wie der Bedarf der Familie ist. Auch das Alter der Kinder und die Grade der Behinderungen sind individuell. Wir betreuen Kinder mit ganz leichten geistigen Behinderung bis zu komplexen mehrfachen Behinderungen.

Was hat sich seit Beginn der Corona-Pandemie verändert?

BS: Alles – das kann man so sagen. Beginnend damit, dass auch wir das Lummerland für mehrere Wochen schließen mussten. In dieser Zeit gab es viele Anrufe von Familien, die die Situation sehr belastet hat. Die Eltern durften nicht mehr arbeiten und haben ihre Kinder 24 Stunden, sieben Tage in der Woche betreut. Wir stehen viel mit dem Landesjugendamt in Münster, mit den Jugendämtern im Kreis Warendorf und mit dem Gesundheitsamt in Kontakt und haben nach Möglichkeiten gesucht diese Familien zu entlasten und eine Belegung im Lummerland wieder möglich zu machen. Wir dürfen jetzt wieder Kinder aufnehmen und stellen uns seitdem eigentlich wöchentlich auf neue Änderungen ein, da Gesetzestexte überarbeitet und Hygienestandards angepasst werden. Die Bedingungen, unter denen wir Kurzzeitwohnen anbieten dürfen, ändern ist ständig. Jetzt gerade ist es aber so, dass wir hier eine Gruppe von glücklichen Kindern zu Gast haben, die Urlaub genießen.

Wie wirkt sich der veränderte Alltag auf die Familien aus?

BS: Das kann man pauschal nicht sagen, weil es sehr unterschiedlich ist. Es gibt Familien, die erstaunt sind, wie gut es plötzlich geht und die feststellen, dass sie gar keinen zusätzlichen Betreuungsbedarf haben. Die Situation ist entspannt und die Kinder haben sich in den neuen, entschleunigten Alltag gut eingelebt. Sicherlich gibt es aber auch Familien, in denen sich ein schwerbehindertes Kind das Kinderzimmer mit zwei gesunden Geschwisterkindern teilt. Wenn dieses Kind den ganzen Tag sehr stark lautiert oder schreit und es keine Ausweichmöglichkeiten gibt, kommen viele Eltern schnell an ihre Belastungsgrenze. Sie wissen nicht, wie sie den kommenden Tag noch gestalten und dabei gesund bleiben sollen.

Haben sich die Dienstzeiten für die Mitarbeiter*innen verändert?

BS: Geringfügig – unter der Woche, wenn die Kinder hier sind, haben wir die Dienstzeiten nicht verändert. Auch in Coronazeiten benötigen die Kinder 24 Stunden Betreuung. Sprich, es gibt einen Frühdienst, einen Spätdienst, es gibt immer eine Nachtbereitschaft und eine Nachtwache. Wir haben die gleichen Dienstzeiten wie sonst in Ferienzeiten, wenn keine Schule ist. Die ersten Wochen haben wir mit Blockgruppen gearbeitet. Montags kam eine Gruppe von Kindern, die alle gemeinsam am Freitag wieder abreisten. Anfangs war das Wochenende noch frei, um am Montag wieder neue Kinder aufnehmen zu können. Mögliche Infektionsketten sollten auf diesem Weg klar nachweisbar sein. Mittlerweile kommen alle Kinder immer noch montags, können aber bis Sonntag bleiben. Unsere Mitarbeiter*innen arbeiten also wieder unter normalen Bedingungen, wie sie es auch an den Wochenenden oder in den Ferien gewohnt sind.

Aktuell werden die Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionszahlen gelockert. Was bedeutet das für das Angebot des Lummerlandes?

BS: Wir verfolgen die Entwicklungen und müssen von Woche zu Woche entscheiden, wie es weitergeht. Nicht alle Familien können sich aktuell eine Aufnahme ihres Kindes im Lummerland vorstellen. Es gibt Familien, die Sorgen vor einer Ansteckung haben und aus dem Grund sehr im Zwiespalt zwischen ihrer eigenen Belastung und einer möglichen Infektion des Kindes sind. Mitte bis Ende Mai mussten sich alle Kinder, die zu uns ins Lummerland kommen wollen, testen lassen. Die Eltern mussten mit ihren Kindern nach Warendorf zur Teststelle fahren und dort ein Abstrich vornehmen lassen, da wir nur Kinder mit einem negativen Testergebnis aufnehmen durften. Auch das hat sich mittlerweile aber wieder geändert.

Gibt es besondere Hygienemaßnahmen, die sie einhalten müssen?

BS: Natürlich achten wir vermehrt auf Händehygiene. Wir versuchen den Kindern, bei denen es möglich ist, auch begreiflich zu machen, wie wichtig gerade Hygiene ist und wie wichtig es ist Abstand zu halten. Es wird sich aber jeder vorstellen können, dass das nicht immer leicht ist. Wir arbeiten mit Kindern mit geistigen Behinderungen, die zum Teil seit sehr vielen Wochen keine Freunde und Freundinnen mehr getroffen haben. Da ist der Jubel, wenn man sich montags im Lummerland trifft, schon sehr groß. Das ist wichtig und sehr schön zu sehen, weil es Kinder sind, die sonst häufig sehr wenige soziale Kontakte haben. Den Kontakt zu unterbinden und eine Begegnung nur auf zwei Meter Abstand zuzulassen ist daher ausgeschlossen. In Pflegesituationen und in Situationen, in denen unsere Mitarbeiter*innen den Kindern und Jugendlichen sehr nahekommen, arbeiten sie mit Mundschutz. Das geht aber nicht dauerhaft. Bei Kindern mit Autismus ist das zum Beispiel sehr schwierig. Von den Lippen ablesen oder Mimik zu deuten ist mit Mundschutz nicht möglich.

Wie gehen die Mitarbeiter*innen mit der Situation um?

BS: Ganz toll – das muss man so sagen. Unsere Mitarbeiter*innen sind hochmotiviert, um die Familien zu entlasten und den Kinder wieder schöne Momente im Lummerland zu ermöglichen: Momente des Urlaubs, der Begegnung, des Zusammenseins und des Spielens. Einfach mal abschalten und nicht an Corona denken. Das ist sehr schön zu erleben, wenn das Team, nach mehreren Wochen Schließung, froh ist wieder im Lummerland arbeiten zu dürfen und alle sagen, wie glücklich sie sind, dass sie hier ihren Job haben. Das sind tolle Rückmeldungen. Wir haben auch ältere Kollegen*Kolleginnen oder Kollegen*Kolleginnen mit Vorerkrankung, für die wir individuelle Lösung gefunden haben, entweder im Lummerland oder in einer anderen stationären Gruppe in einer Einrichtung des Caritasverbandes. Das hat alles sehr gut funktioniert.

Sind schon Mitarbeiter*innen, Kinder oder Jugendliche aus dem Lummerland erkrankt?

BS: Nein, zum Glück nicht. Natürlich sind wir nicht mit allen Familien in Kontakt, bislang gab es aber keine Rückmeldungen zu positiven Fällen aus der Familien. Eine Erkrankung unserer Mitarbeiter*innen kann ich ausschließen. Es gab verschiedene Testungen. Es gab auch Mitarbeiter, die zu Krisenzeiten im Ausland gewesen sind und somit in Quarantäne zu Hause bleiben mussten. Aber positive Fälle, also Corona erkrankte Mitarbeiter*innen und Kinder, hatten wir zum Glück bislang nicht und hoffen natürlich auch, dass es so bleibt.

Gibt es Momente in den letzten Wochen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

BS: Da gibt es viele. Natürlich ist es ein total besonderer Moment als das erste Kind nach der Schließung wieder vor der Tür des Lummerlandes stand. Ein Kind, das einem am liebsten direkt in den Arm fallen möchte und sich freut unsere Mitarbeiter*innen wiederzusehen, das ist schon etwas Besonderes. Kinder, die einfach froh sind, hier wieder am Tisch zu sitzen, anderen Kindern zu begegnen und Freundschaften wieder aufleben zu lassen. Gerade das sind Momente, die zeigen wie wichtig und notwendig es ist jetzt weiterzumachen.